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Listen
Die Liste ist ein Modell bzw. Konzept, das Umberto Eco zum Thema einer rezenten Veröffentlichung gemacht hat. Sie kann als Vorform der Enzyklopädie gelten.

Umberto Eco: »Die unendliche Liste«, München 2009 (Orig.: »Vertigine della lista«, Mailand 2009)


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Unter »Listen« verstanden werden Reihungen, Aufzählungen und Ansammlungen verschiedenster Art, durch welche jeweils eine bestimmte (manchmal große) Menge von Exemplaren zum Ensemble arrangiert wird. Ecos Darstellung zum Thema Listen bezieht sich dabei auf ganz verschiedene Typen von Listen: auf Aufzählungen in der Wissenschaft, in sachbezogenen Texten, aber auch auf Aufzählungen in literarischen Texten. Auf literarischen Texten liegt dabei sogar ein besonderer Schwerpunkt; Eco behält stets die (literaturwissenschaftliche) Frage mit im Blick, warum Dichter Listen in ihre Texte einfügen.

Bemerkenswerterweise bezieht Eco in die Darstellung von Listen neben Texten auch viele Werke der bildenden Kunst ein. »Listen«, so wie er sie versteht, sind demnach nicht nur sprachliche Aufzählungen (Namensnennungen, Objektnennungen, aneinandergereihte Objektbeschreibungen, aneinandergereihte Gegenstandsdarstellungen...), sondern auch zum Ensemble arrangierte bildliche Darstellungen. Listen müssen nicht ›nacheinander‹ erstellt und rezipiert werden; sie haben nicht notwendig die für Texte konstitutive temporale Dimension. Sie können auch ›simultan‹ strukturiert sein: als Tableau, auf dem Gegenstände verschiedener Art ausgebreitet sind, etwa als Gemälde, auf dem die himmlischen Heerscharen in Massen zu sehen sind (oder Massen von Menschen, von Kriegern, von Bauern etc.). Eco behandelt auch räumliche Installationen wie Sammlungen von Merkwürdigkeiten (Mirabilia), Kunst- und Wunderkammer und das aus diesen hervorgegangene Museum als Listen; auch diese genügen ja dem Kriterium, das für eine Liste konstitutiv ist: Sie sind Ensembles von Dingen. Ach künstlerische Installationen können Listen sein, etwa wenn unterschiedliche Gegenstände zusammengetragen werden.

Eine Liste braucht über ihren Charakter als Ensemble von Dingen (Darstellungen, Benennungen, Beschreibungen) hinaus keine weitere Ordnung aufzuweisen. Das Herstellen eines Ensembles, das Arrangement von einzelnen Elementen zu einem listenartigen Zusammenhang, ist bereits eine erste rudimentäre Formgebung. Ecos Buch selbst ist eine Liste von Listen: Es enthält neben dem erläuternden und argumentierenden Sachtext vielfältige Zitate aus literarischen Werken (wie die Borges-›Lexika‹) sowie viele Reproduktionen von Werken der bildenden Kunst: Es listet also beispiele auf, wobei diese nicht einer strengen Ordnung unterworfen werden – obwohl der erläuternde Text Ecos in Abschnitte gegliedert und sachlich-argumentativ strukturiert ist.