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Tlön und seine Enzyklopädien
Tlönianische Chronologie

Nachdem ein erster Teil des Tlön-Berichts die Datumsangabe »1940 Salto Oriental« trägt, folgt eine »Nachschrift von 1947« (!!!; der Text erschien 1941), in der es um die allmähliche Auflösung der bisherigen Wirklichkeit durch das Auftauchen fremdartiger Objekte geht; die Wirklichkeit, so heißt es schließlich habe »in mehr als einem Punkt« nachgegeben – aus Lust daran nachzugeben. Mit dem Auftauchen eines Tlönischen Kompasses sei die phantastische Welt erstmalig in die reale Welt eingebrochen.

Borges spielt in seiner Erzählung nicht zuletzt mit der linearen Ordnung der Zeit. Ab 1942 sollen – wie wir aus einem dritten Teil der Erzählung, der ›Nachschrift‹ erfahren – Objekte in der Welt des in Argentinien lebenden Erzählers aufgetaucht sein, die nicht aus dem bekannten und von den konventionellen Wissenschaften beschriebenen Universum zu stammen scheinen, sondern auf eine Tlönianische Provenienz hindeuten. Eines der Objekte ist ein Kompaß mit Tlönischen Ziffern, ein anderes ein unerklärlich schwerer Metallkegel. Auch die bis dahin vergeblich gesuchten fehlenden Bände der Ersten Enzyklopädie von Tlön werden 1944 in den USA aufgefunden. Unklar sind die Hintergründe: Vielleicht hat der Geheimbund der Enzyklopädisten dies so arrangiert. Dies würde aber nicht erklären, warum mindestens eines der Objekte aus einer auf Erden unbekannten Materie besteht. Eine andere, vom Text nur angedeutete Hypothese wäre tlönianisch: Das Bedürfnis der Erdenbewohner, Tlönische Objekte und insbesondere die Enzyklopädie zu besitzen – die Konzentration der Vorstellungen auf diese Dinge, hat die Objekte des Begehrens selbst hervorgebracht.

Die im Erzählerbericht genannten Jahre 1942 und 1944 sowie das Jahr, auf das diese Nachschrift datiert ist (1947), liegen später als die Abfassung und die erste Publikation der Erzählung selbst. Borges schrieb 1940 also über die Zukunft. Auch diese Konstruktion ist auf die in Tlön herrschende idealistische Philosophie abgestimmt, denn hier ist man von der Idealität der Zeit überzeugt. Der Erzähler erwartet, daß sich über kurz oder lang die Welt selbst völlig dem Entwurf Tlöns anpassen wird. Und er geht davon aus, in etwa hundert Jahren (also um 2047) werde jemand die Zweite Enzyklopädie von Tlön entdecken – verfaßt auf Tlönianisch, versteht sich.

»Tlön, Uqbar, Orbis tertius« handelt – zusammenfassend gesagt – davon, wie aus dem Mikrokosmos eines Buches eine Welt entsteht – und davon, wie aus Imaginationen erster Ordnungen Imaginationen zweiter Ordnung entstehen. (Auf die Gradierung des Imaginären macht die Erzählung dadurch nachdrücklich aufmerksam, daß er sie noch weiter staffelt und dadurch multipliziert: Tlön ist das Objekt der Beschreibung in einem Buch, das selbst auf der Ebene der Fiktion Objekt der Beschreibung ist.) Zudem wird dieser Effekt aus der Perspektive eines Ichs erzählt, das von der Kontamination des Wirklichen durch das Imaginäre selbst betroffen ist. Der Leser seinerseits empfindet einen Kontaminationseffekt, da er alles Berichtete nur aus der Perspektive des Erzähler-Ichs wahrnimmt; die vorgenommenen Datierungen verknüpfen seine Zeitordnung und damit seine Welt mit der des Erzählers.

Die darüber hinausgehende Pointe der Borgesschen Konstruktion einer imaginären Welt höherer Ordnung über die Erfindung eines imaginierten Buches und seine Beschreibung liegt nun darin, daß das Imaginäre in die Wirklichkeit eindringt, welcher der Erzähler selbst angehört (und damit derjenige, dessen Stimme wir vernehmen, der also das Scharnier zwischen dem Text und uns selbst darstellt) – ein Vorgang, der dadurch vorstellbar erscheint, daß das imaginäre Reich von Tlön nicht einfach nur aus fingierten Dingen und Wesen besteht, sondern daß in ihm auch die Interpretamente von Welt einer anderen Gesetzlichkeit gehorchen. Wissenschaftliche Systeme und Sprache als Ordnungsentwürfe und Interpretationsmittel aber sind von einer Welt der Gegenstände auf die andere übertragbar, und so wird die Wirklichkeit des Erzählers selbst (seinem Bericht zufolge) von Tlön kontaminiert.

Der Text (das Buch) ist bei Borges in doppelter Hinsicht die Schwelle, an der das Imaginäre ins Wirkliche eindringt, sich mit ihm vermischt und damit die Leitdifferenz zwischen Fingiertem und Realem unterläuft.