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Verrätseltes, Verfremdetes, Verborgenes, Verzerrtes, Verfremdetes: Ror Wolfs poetische Ratgeberbücher
Zu »Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft, des Wassers und der Gefühle«

»Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft, des Wassers und der Gefühle« (1990) enthält neben den alphabetisch geordneten Artikeln wiederum auch Illustrationen. Während sich die in den Artikeln behandelten Lemmata in den jeweils neueren Ratgeberbüchern nicht wiederholen und auch keine Verweise vom einen auf den anderen Band hindeuten, wiederholen sich die Bildelemente; diese vernetzen also die einzelnen Bände untereinander. Bestimmte Bildelemente aus der »Welt- und Wirklichkeitslehre« tauchen nämlich später in der 1999er Ausgabe des »Ratschlägers« wieder auf, so das Bild eines Radfahrers in einer Mondlandschaft vor einem planetenartigen Gebilde (Welt- & Wirklichkeitslehre, 34-35). Derselbe Raubvogel, der in der 1999er Ausgabe des »Ratschlägers« auf einer leblos im Schnee liegenden Frau sitzen wird, hockt neun Jahre zuvor in einem der »Welt- und Wirklichkeitslehre« beigefügten mehrfach ausgefalteten Bildtafel auf einem Männerleichnam (unpag., hinten eingeklebt). In den Artikeln verdichtet sich die schon in den Vorgängerbänden zu beobachtende Vorliebe Tranchirers für das Unkonkrete, Unfaßliche, das ausgerechnet durch Überpräzision seiner Beschreibung ungreifbar Werdende. Und seine Hinweise, Appelle und Handlungsanweisungen an den Leser rücken diesem förmlich auf den Leib - so im Artikel über »Nichts«:

»Nichts. Nichts ist das Gegenteil von Etwas. So wie das Loch das Gegenteil von etwas anderem ist, das wir jetzt nicht beschreiben müssen. Nichts ist das Loch in den Worten. Öffnen Sie den Mund so weit wie möglich, vergessen Sie nicht, sich Mühe zu geben, ihn ganz aufzumachen, und nun sagen Sie NICHTS.« (Welt- & Wirklichkeitslehre, 112)

Zu den Lemmata der »Welt- und Wirklichkeitslehre« gehören – verglichen mit dem »Ratschläger« und den »Mitteilungen« – auffallend viele Abstrakta. Auch diese Artikel stimulieren zur Suche nach ›passenden‹ Illustrationen und lassen den Leser doch zugleich ahnen, daß hier niemals etwas ›passen‹ wird.